Guaraná

Coffeinliane von Amazonas und Orinoko


Geschichte und Volksmedizin

Abb. 1

Die Guaraná-Liane ist eine indianische Kulturpflanze. Man weiß nicht, wie lange sie schon von den Maué-Indios angepflanzt wurde, einem Stamm der Tupí-Sprachgruppe am Rio Maués, einem südlichen Nebenfluß des Amazonas. Aus den Samen stellten sie eine Paste mit dem Namen Guaraná her. Andere Völker im Amazonas- und Orinokogebiet haben nur die wildwachsende Pflanze genutzt. In der indianischen Volksmedizin ist Guaraná, in Wasser gelöst, seit altersher in Gebrauch als Tonikum und Anregungsmittel bei Ermüdungserscheinungen und Kopfschmerzen, sowie bei chronischem Durchfall; die Droge steht auch im Ruf, ein Aphrodisiakum zu sein, was wohl eher auf der anregenden Wirkung beruht.

Die erste Beschreibung von Guaraná stammt aus dem Jahr 1669 vom Jesuitenmissionar J.F. Betendorf, der bereits auf die harntreibende Wirkung des Getränks hinwies wie auch auf den Einsatz bei Kopfschmerzen, Fieber und Krämpfen. Das Interesse an Guaraná war im 18. Jahrhundert Anlaß, einen Handelsweg quer durch Zentralbrasilien von Mato Grosso her über die Quellflüsse des Rio Tapajós zum Rio Maués zu suchen. Die Händler brauchten 9 bis 10 Monate für die Hin- und Rückreise im Boot, das an manchen Stellen über Land gezogen werden mußte, aber offenbar lohnte sich die Mühe. Die Maué intensivierten den Anbau für die Nachfrage, und die Brasilianer legten selbst Plantagen an.

Die Guaraná-Liane wurde für die Botanik zweimal entdeckt: Zuerst im Jahre 1800 von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland im Orinokogebiet; beide erforschten von 1799 - 1804 weite Teile der damaligen spanischen Kolonien in Amerika (s. auch die Kapitel "Chinarinde" und "Curare"). Von 1817 - 1820 waren Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp Martius in Brasilien unterwegs, wo sie im Amazonasgebiet Guaraná kennenlernten, und sie stießen auf dem Rio Japurá bis Kolumbien vor (s. ebenfalls Kapitel "Curare"). Humboldt finanzierte seine Expedition und den Druck seiner Bücher darüber selbst, wobei er sich zeitweilig hoch verschuldete; Spix und Martius reisten im Auftrag des bayerischen Königs Max Joseph I., von dem sie bei ihrer Rückkehr geadelt wurden. Humboldt und Bonpland beschrieben etwa 3600 neue Pflanzenarten, Martius fast 5700. Carl Sigismund Kunth, der Hauptbearbeiter der botanischen Ergebnisse Humboldts, erkannte später, daß die von Martius als Stammpflanze von Guaraná beschriebene Paullinia sorbilis und die von Humboldt, Bonpland und Kunth zuerst benannte P. cupana zur gleichen Art gehören; beide gelten heute als Varietäten der Art Paullina cupana. Zahlreiche weitere deutsche Wissenschaftler widmeten sich nach Humboldt und Martius der Erforschung Südamerikas, so die Brüder Robert und Richard Schomburgk im Auftrag der Londoner Royal Geographical Society (in Guayana; s. Kapitel "Curare"), Eduard Poeppig (1827 - 1832 in Chile, Peru und Brasilien), der unter anderem als erster auf negative Folgen des Cocagenusses hinwies, und andere.


Die Pflanze

Die Guaraná- oder Cupana-Liane (Abb. 1), Paullinia cupana Kunth ex H.B.K. (syn. P. sorbilis Mart.) zählt zur Familie der Seifenbaumgewächse (Sapindaceae); sie wird 10 bis 12 Meter lang. Sie hat kleine- weiße Blüten und 20 - 35 cm lange fünfteilige Fiederblätter. In den haselnußgroßen roten, bei der Reife schwarz werdenden, dreifächrigen Kapselfrüchten entwickelt sich oft nur ein dunkelbrauner bis schwarzer Same.


Vorkommen, Anbau

Die Pflanze ist in verschiedenen Varietäten am oberen Orinoko (var. typica) und im Amazonasgebiet (var. sorbilis) verbreitet. Sie wird heute in Brasilien, Venezuela und Paraguay in Plantagen als Kletterpflanze ähnlich wie Hopfen angebaut, es gibt aber auch kleine Sträucher als besser abzuerntende Kulturform. Die Pflanze bildet zweimal im Jahr Samen. Eine Pflanze kann vom fünften Jahr an jährlich 2 - 3 kg trockene Samen produzieren.


Zubereitung zum Gebrauch

Nach altem indianischen Verfahren wird die Schale der getrockneten Samen (Abb. 2) entfernt und die konvexen dicken Keimblätter des Embryo geröstet, zerkleinert und mit Wasser zu einer Paste zerrieben, evtl. auch gemischt mit Maniokmehl. Diese Pasta Guaraná wird zu dunkelbraunen Stangen (Abb. 3), Kugeln oder Broten geformt und getrocknet. 1-2 Gramm der Paste werden abgeschabt, in Wasser gelöst und als Getränk genossen. Im Orinokogebiet werden die Keimblätter zerraspelt, in Bananenblätter gewickelt und darin fermentiert, nachdem Maniokmehl zugefügt wurde. Die dabei entstehende gelb gefärbte Paste wird dann getrocknet ("Cupana"). Alexander von Humboldt hat 1800 diese Herstellungsart beobachtet; das aus Cupana bereitete Getränk hat ihm aber nicht geschmeckt. Der Geruch von Guaraná ist kakaoähnlich, der Geschmack zusammenziehend und bitter, dann süßlich. Die heute noch von den Maué-Indios hergestellte Paste ist nach wie vor die qualitativ beste.

Abb. 2 Abb. 3

Wirkstoffe

Die Paste enthält etwa 5 %, maximal 8 % Coffein und verwandte Alkaloide wie Guaranin, etwas Theobromin und Theophyllin und somit etwa dreimal so viel Coffein wie Kaffeebohnen; außerdem etwa 8 %, maximal 25 % Catechingerbstoffe und weitere Substanzen in geringen Mengen.


Wirkungen

Coffein ist ein anregendes Stimulans, Gerbstoffe wirken stopfend bei Durchfall. Die volksmedizinischen Hauptverwendungen sind also auch in moderner Sicht begründet. Weil die Alkaloide an Gerbstoffe binden, tritt die Coffeinwirkung mit Verzögerung ein, hält aber lange an, genau so, wie wenn man schwarzen Tee lange ziehen läßt, wobei die Gerbstoffe frei werden und ebenfalls Coffein binden.

Bei Überdosierung ist Coffein nicht harmlos. Zu viel Coffein kann zu Herzklopfen, Nervosität, Magen-Darm-Störungen und bei Patienten mit Hypercholesterolämie zu einem Anstieg an Cholesterolwerte führen. Bei Herzleiden, Magengeschwüren, Epilepsie und Schilddrüsenüberfunktion sollten Coffein und Coffeindrogen - Guaraná ist die coffeinreichste von allen ! - grundsätzlich nicht genommen werden.


Verwendung

In Brasilien ist Guaraná als anregendes Tonikum und Stimulans sehr beliebt und wird in der heutigen Volksmedizin wie bei den Indios auch bei Kopfschmerzen und Durchfall verwendet. Industriell hergestellte Tonika gibt es in Brasilien, Frankreich und Italien. In den USA wird die Droge schon seit längerer Zeit als Aufputschmittel benutzt; brasilianische Pharmazeuten beliefern auch den internationalen Markt.

In Deutschland ist Pasta Guaraná 1872 als Arzneimittel zugelassen worden (in der Pharmacopoea Germanica I). Guaraná ist Bestandteil einiger Kopfschmerzmittel. Heute wird die Droge auch bei uns als Muntermacher angeboten, z.B. in Diskotheken. Einer der Slogans lautet: "Guaraná bedeutet den Indios die Quelle für Kraft, Schönheit, Gesundheit und Lebensfreude". Die tatsächliche Verwendung bei den Indios sieht aber etwas anders aus (siehe oben!), und sie nehmen Guaraná in vernünftiger Dosierung: 1 - 2 Gramm enthalten 50 - 180 Milligramm Coffein, entsprechend 1 - 2 Tassen Kaffee.



Quelle:

Bruno Wolters
Drogen. Pfeilgift und Indianermedizin.
Arzneipflanzen aus Südamerika.
Verlag Urs Freund, D-86926 Greifenberg, 1994, S. 153-157
ISBN 3-924733-01-5

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