Timothys Learys 8 Stufen des Bewußtseins


Für die Weltöffentlichkeit war er in den 70er Jahren das enfant terrible, weil er für eine freizügigere Drogenpolitik eintrat und für seine Thesen in Gefängnis ging. Doch den wenigsten ist bekannt, daß der heute 65jährige Timothy Leary seit Jahrzehnten als psychologischer Forscher arbeitet. Die von ihm entwickelten acht Stufen des Bewußtseins liegen im Trend: Sie decken sich teilweise mit Denksystemen von Theoretikern wie David Bohm, Fritjof Capra, Rupert Sheldrake und anderen. Danach ist der Mensch ein "wandelndes Museum" der Psycho-Archäologie, und seine Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Die "neurologische Revolution", die zu erweiterten Bewußtseinszuständen führt, steht erst noch bevor.


Der amerikanische Psychologe Timothy Leary ist zweifellos der umstrittenste Erforscher menschlichen Verhaltens seit Wilhelm Reich. Beide verbindet die makabre "Auszeichnung", die einzigen Wissenschaftler dieses Jahrhunderts in den USA zu sein, die aus überwiegend "moralischen" und politischen Gründen im Gefängnis gesessen haben: wegen Verbreitung "gefährlicher" und "zersetzender" Ideen.

Anders als Reich hat Timothy Leary jedoch seine Haftzeit ohne Verbitterung und ohne Wahnvorstellungen hinter sich gebracht. Er ist mit einer Haltung heiterer Versöhnlichkeit daraus hervorgegangen. Von den 54 Monaten Haft sagt der 65jährige Leary, es sei "eine Zeit des Rückzugs und der Meditation" gewesen, "für die der Staat freundlicherweise die Kosten getragen hat".

Heute ist er damit beschäftigt, Computerprogramme - "mind-adventures" - herzustellen und zu verkaufen, die in Form von Interaktionsspielen die Grundlagen seines psychologischen Systems vermitteln. Auch als Vortragsredner ist Timothy Leary gefragt, und er schreibt durchschnittlich ein Buch pro Jahr.

Die "gefährlichen" Ideen, die ihn zwischen 1970 und 1976 immer wieder ins Gefängnis brachten - einmal konnte er entkommen und fand Zuflucht in Algerien und in der Schweiz -, sind in den Medien nie richtig dargestellt worden. Obwohl er bis heute 22 Bücher über psychologische Fragestellungen - von der Intelligenzmessung bis zur sozialen Programmierung des Bewußtseins - verfaßt hat, kennt man ihn ausschließlich wegen seiner juristischen Auseinandersetzungen mit dem Staat über die gesetzliche Regelung der Drogenforschung (die meisten glauben, er sei gegen jede gesetzliche Kontrolle gewesen. Tatsächlich trat er nur für eine andere Regelung ein als die bestehende).

Abb.1

Die Grundlage seines Denkens ist seit Mitte der fünfziger Jahre der klassische logisch-positivistische Standpunkt, wonach viele der hergebrachten sprachlichen Äußerungen bis hinein in die Wissenschaftssprache operational sinnlose metaphysische Schnörkel enthalten. Aufgabe des wissenschaftlich arbeitenden Psychologen sei es, eine operationale und genaue Terminologie zu schaffen, um darstellen zu können, "wer die Spieler sind, welche Spielregeln sie anwenden und wo sich ihre Körper in der Raum-Zeit aufhalten". Diese Einsteinsche Betonung der Körper in der Raum-Zeit-Dimension liegt auch Learys Diagnose-Instrument "Interpersonal Grid" (Interpersonelles Gitter) zugrunde, das in den USA zu den verbreitesten psychologischen Diagnose-Schemata gehört (siehe Abb.2).

In diesem Modell werden die verschiedensten psychologischen Tests kombiniert - von der Selbsteinschätzung einer Person bis zu den Einschätzungen anderer, die mit ihr in einer Therapiegruppe sind. Schließlich erkennt man das bevorzugte "Spiel" dieses Menschen oder seine gewohnheitsmäßige Art, mit anderen umzugehen. Nach Wochen oder auch Monaten therapeutischer Arbeit kann man die Tests ( oder die Einschätzungen des Therapeuten und anderer Gruppenmitglieder) wiederholen und prüfen, ob und wie sich diese Person im sozialen Raum "bewegt" hat. Im günstigsten Fall findet man dann vielleicht folgende Entwicklung (vergleiche den Innenkreis des Diagramms):

Abb.2: Interpersonelles Gitter

In diesem angenommenen Fall hat sich die Person von gewohnheitsmäßigen Klagen, von Verbitterung und Schuldgefühlen ("Ich bin nicht okay, und Du bist es auch nicht") zu einer gewissen Verantwortlichkeit und gutem Willen "hinbewegt" ("Kann sein, daß ich okay bin und Du auch"). Die Extremform in den Viertelkreisen lautet - im Uhrzeigersinn gelesen - etwa so: "Wir sind alle okay" (APON), "Du bist okay, aber mir ist nicht zu helfen" (JKLM), "Keiner ist okay, uns ist allen nicht zu helfen" (FGHI) und "Ich bin okay, aber Ihr anderen seid das Letzte" (EDCB).

Diese "Spiele", wie Leary sie stets nennt, tendieren dazu, andere mit hineinzuziehen, sofern diese nicht über einen ausgeprägten psychologischen Scharfsinn verfügen. Beispielsweise weckt die Position "Du bist okay, aber mir ist nicht zu helfen" elterliche Fürsorge (zuweilen sogar bei Psychologen, die es eigentlich besser wissen müßten) und verewigt sich damit selbst. Entsprechend kann die Position "Ich bin okay, aber Ihr anderen seid alle blöd" bei den beteiligten Partnern zu Groll und Widerstand führen ("Unfähigkeit und Ungehorsam") und damit fortbestehen.

Nach Learys Überzeugung enthält dieses Gitter die fundamentalen Beziehungsmuster der Säugetier-Soziobiologie. Das heißt, wir finden dieselben Verhaltensweisen, nur ohne verbale Rationalisierung, bei den meisten, höher entwickelten Tieren. Das kommt daher, versichert Leary, daß diese Spiele (im Sinn von Konrad Lorenz) auf der auf der Prägung dessen beruht, was er "die ersten beiden Schaltkreise des Nervensystems" nennt.

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Der erste Schaltkreis ist der älteste und primitivste. In einer Art Rohform ist er bereits bei den Amöben vorhanden. Leary nennt ihn den ORALEN BIO-ÜBERLEBENS-Schaltkreis. Er ist nach seiner Auffassung fest verdrahtet und ermöglicht die fundamentalen Entscheidungen darüber, wann es ratsam ist, VORWÄRTS auf Nahrung oder eine Belohnung zuzugehen oder vor Raubtieren und anderen Gefahren für Leib und Leben ZURÜCKzuweichen. Die Punkte oder Bereiche, an denen das Menschenbaby auf Lorenzsche Prägungsvorgänge anspricht, sind das "alte" Gehirn oder Kleinhirn (cerebellum) und das autonome Nervensystem, daß den gesamten Körper durchzieht. Das erklärt, warum Erfahrungen im Bereich dieses Schaltkreises überall im Organismus empfunden werden. Und es erklärt, warum jede reale oder scheinbare Bedrohung im Säugling eine Prägungsempfindlichkeit auslöst, die über das Nervensystem bleibende Reaktionsmuster in den endokrinen, glandulären, respiratorischen und anderen Körperfunktionen hinterläßt.

Vereinfacht gesagt: Eine "schlechte" Prägung (Trauma) löst einen permanenten Rückzugsreflex aus, der dieser Person einen Platz in der linken Hälfte, irgendwo in IHGFEDCB zuweist, während eine "gute" Prägung eine vorwärts gerichtete, optimistische und entdeckerfreudige Einstellung zur Welt und zu anderen Menschen ermöglicht, die sie in den Feldern JKLMNOPA ansiedelt.

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Der zweite Schaltkreis, den Leary den ANALEN, GEFÜHLSMÄSSIG-TERRITORIALEN Schaltkreis nennt, reicht wahrscheinlich bis zu den ersten Wirbeltieren zurück. Seine Prägung (samt dem nachfolgenden Konditionieren und "Lernen") geschieht beim Menschen hauptsächlich im Thalamus (einem Teil des Zwischenhirns), im willkürlichen Nervensystem und in den Muskeln. Starke Prägungen treten wahrscheinlich dann auf, wenn das kleine Kind zu laufen anfängt, seine Körperkraft gegen die Schwerkraft einsetzt und sich mit wackeligen Schritten das Haus erobert: Genau so automatisch wie irgendein Säugetier um seinen Platz in der Rangordnung der Herde kämpft, kämpft das Menschenkind um eine Position im familiären Machtgefüge. Im Extrem kann diese Prägung gewohnheitsmäßige DOMINANZ, UNTERWERFUNG oder eine Zwischenposition hervorrufen.

Abb.3

Die Konditionierung der Individuen beeinflußt im allgemeinen diese Prägung dahin, daß ein soziales Spiel übernommen wird, in dem einige ständig dominieren werden (das Fußvolk) und andere ständig dominieren dürfen (die Anführer). Das Ergebnis der beiden Prägungen auf der Ebene dieser Schaltkreise bildet die zwei Dimensionen des Interpersonalen Gitters, daß wir eben besprochen haben:

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Eine dritte Dimension des Bewußtseins und Verhaltens nennt Leary den SEMANTISCH-MANIPULATIVEN Schaltkreis. Er ist offenbar ausschließlich dem Menschen vorbehalten, obwohl darüber debattiert wird, wieweit es bei Walen und einigen Primaten möglicherweise etwas ähnliches gibt. Beim Menschen liegt diese Schaltung in den vorderen Abschnitten der linken Hirnhemisphäre und verfügt über Rückkoppelungsschleifen zum Kehlkopf und zu den Händen. Zu einem genetisch festgesetztem Zeitpunkt wird das Kleinkind nach Learys Meinung empfänglich für prägende Spracheinflüsse. Danach kann es nicht mehr ausschließlich in der Terminologie der Säugetier-Soziobiologie beschrieben werden. Der dritte Schaltkreis erlaubt uns, die Welt zu VERMESSEN und zu MANIPULIEREN: Ideen zu bilden (sprachliche, bildhafte, mathematische), sie mit unseren Händen (oder Instrumenten) zu erproben und zu korrigieren, wenn sie nichts taugen. Kurz - dies ist der Schaltkreis, der uns, wie Aristoteles sagt, zu vernunftbegabten Wesen macht.

Unglückseligerweise macht uns dieser Schaltkreis, wie jeder Psychologe weiß (und es der verstorbene Arthur Koestler mit wachsender Bitterkeit in seinen letzten Büchern hervorhob), potentiell auch zu geistesgestörten Wesen. Wir können unsere semantisch-manipulativen Fähigkeiten dazu nutzen, die Welt zu vermessen, zu steuern und unsere innere "Landkarte" zu korrigieren. Genausogut können wir aber mit ihrer Hilfe auch eine "Landkarte" entwerfen und unsere Wahrnehmung so zensieren, daß sie zu dieser Karte paßt. In milder Form nennt man dieses Verhalten Dummheit oder Dogmatismus; in schärferer Form religiösen oder politischen Fanatismus; im Extremfall "Geisteskrankheit".

Die Gitter der Netze, die dieser Schaltkreis mit der Sprache und anderer Symbole bildet, können so unterschiedlich sein wie die Lehren des Buddhismus, Katholizismus, Nazimus, Marximus, des polynesischen Tiki-Kultes oder des islamischen Fundamentalismus, und so weiter. Leary nennt diese Gitter "Realitätstunnel". Sie unterscheiden sich von Mensch zu Mensch oder von Gesellschaft zu Gesellschaft ebenso wie die Gemälde von Rembrandt, Picasso, Escher und Bacon oder wie die Musik von Vivaldi, Wagner, Elvis Presley und John Cage.

Da die zwei ersten bei den meisten Säugetieren vorhandenen Schaltkreise in älteren Gehirnteilen liegen und mit Reaktionen verknüpft sind, die den ganzen Organismus (Endokrine Drüsen, Atmung ...), werden die meisten Menschen überwiegend von diesen beiden Schaltkreisen gesteuert.

Wilde Primaten markieren ihre Reviere durch Exkremente, domestizierte Primaten durch Landkarten

Sie nutzen den dritten Schaltkreis lediglich zur Aufrechterhaltung eines Realitätstunnels, der ihre zwanghaften Prägungen wie Vorwärts-Rückwärts oder Dominanzunterwerfung "rational" erklärt. Also markieren wilde Primaten ihre Reviere durch Exkremente, während domestizierte Primaten ihre Territorien durch gedruckte Landkarten und "Ideologien" (starre Realitätstunnel) markieren. Statt die Fähigkeiten des semantischen Schaltkreises zur Selbstkorrektur zu benutzen, verwenden sie diese zur Selbsttäuschung. Darin liegt die Komik und schmerzliche Tragik des menschlichen Lebens. Sie hat viele Skeptiker zu dem Schluß gebracht, die Vernunft sei eine Hure, und sie hat Swift zu jener beißenden Parabel angeregt über den Kampf zwischen jenen, die ihr Ei an der spitzen und denen, die es an der runden Seite aufschlagen.

Jeder Realitätstunnel, so abwegig er auch von außen gesehen anmuten mag, wird von den Betroffenen mit Inbrunst für wahr gehalten. Er wird nicht einmal als "Landkarte" oder Modellvorstellung erkannt. Vielmehr ist es die "Realität" schlechthin, die keine philosophischen Fragen offenläßt. In gewissem Sinn ist es tatsächlich existentielle Realität, denn die Person lebt, fühlt, leidet oder triumphiert in dieser Existenz und beurteilt den Wert aller Dinge nach ihr.

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Der vierte, SOZIO-SEXUELLE Schaltkreis läßt sich naturgemäß ebensoweit zurückverfolgen wie der ANALE-TERRITORIALE Schaltkreis. In seiner besonderen menschlichen Form erscheint er jedoch erst um etwa 30.000 vor Christus. Diese Schaltung tritt in Aktion, wenn das DNA-Programm den Organismus für Paarungssignale empfänglich macht. Allerdings entdeckten Priester und Könige im Lauf der Entwicklung des dritten, SEMANTISCHEN Schaltkreises, daß sich - unabhängig von der jeweiligen sexuellen Prägung des einzelnen - einer statistischen Mehrheit durch massive Konditionierung jedes wünschenswert erscheinende sexuelle Spiel aufzwingen ließ. Auf diese Weise verlor die Sexualität ihren rein biologischen Charakter und wurde zu einem gesellschaftlich bestimmten Verhalten.

Die Vorstellungen von "gut" und "böse", die durch Sanktionen der Stammesgruppe durchgesetzt werden, schaffen eine dauernde Spannung zwischen der tatsächlichen Prägung der Individuen (die zufällig und höchst unterschiedlich ist) und dem, was als "gut" definiert wird. Der vierte Schaltkreis hat in der Geschichte fast immer als Kreis der Schuldgefühle gedient. (Wie James Joyce sagt: "Der Staat ist konzentrisch, aber daß Individuum ist exzentrisch.")

Da so viele Verhaltensweisen der Säugetiere direkt mit der Wahrung des Territoriums zusammenhängen, werden der ANALE, GEFÜHLSMÄSSIG-TERRITORIALE Schaltkreis und der SEMANTISCHE ("Gut"/"Böse"-) Schaltkreis von den Herrschenden allgemein dazu benutzt, um den vierten Schaltkreis auf maximale Reproduktion zu konditionieren. Denn je mehr Jungen in eine Kultur hineingeboren werden, desto mehr Soldaten werden das Territorium verteidigen (oder erweitern), und je mehr Mädchen auf die Welt kommen, desto mehr Mütter werden weitere Jungen zu Soldaten aufziehen.

Die Realitätstunnel, die sich gewitzte Theologen ausgedacht haben, um dieses soziobiologische Primatenverhalten rational zu begründen, werden in dem Song "Every sperm is sacred" von Monty Phyton treffend aufs Korn genommen. Wie üblich, wenn ein Realitätstunnel sich verselbständigt, statt sich selbst zu korrigieren, leben diese metaphysischen Systeme als Dogmen weiter, obwohl die Überbevölkerung der Erde bereits eine solche Höhe erreicht hat, daß täglich 100.000 Menschen verhungern. Wer einem derart dogmatischen Festhaltem an einer bestimmten Vorstellung kritisch gegenübersteht, sollte sich barmherzigerweise daran erinnern, das die traditionellen Systeme in der Geschichte die meiste Zeit relative evolutionäre Erfolge gewesen sind. Wie sie funktionieren, wird auf der Abbildung erklärt.

Abb.4

Die Gefühle von Pessimismus, Angst und Verzweiflung, die heute auf der Welt um sich greifen, beruhen darauf, daß dieses mechanische System, obwohl jahrtausendelang ein relativer evolutionärer Erfolg, zunehmend als relativer evolutionärer Fehlschlag empfunden wird. Wir dürfen nicht länger zulassen, daß sich die Weltbevölkerung unkontrolliert vermehrt, denn unsere Waffen haben den territorialen Kampf so gefährlich gemacht, daß wir alle darin umkommen können. Die meisten Menschen sind sich dieser neuen Realitäten dunkel bewußt. Doch wenn wir die Augen aufmachen, sehen wir, daß das mechanische Prägungs-/Konditionierungs-System weiterbesteht und wir in Gefahr sind, in eine globale Katastrophe hineinzurennen. Zwar beginnen wir zu erkennen, da Realitäts-Intoleranz - das mechanische Aufprägen starrer Realitätstunnel - ebenso gefährlich ist wie früher die Beulenpest, doch haben die meisten von uns nur wenig Hoffnung, daß ein "Gegenmittel" gefunden werden kann. Nur sehr wenige sind bereit anzuerkennen, daß jedes "Gegenmittel" immer auch die wachsende eigene Bereitschaft erfordert, sich in alternative Realitätstunnel einzufühlen, um die geradezu hypnotische Prägungskraft der eigenen Kultur zu überwinden.

Learys notorischer Optimismus beruht auf seiner Überzeugung, daß es im menschlichen Gehirn noch andere, bisher nur Minderheiten bekannte, Schaltkreise gibt, die wissenschaftlich erforscht werden können und auch erforscht werden, und die zu einer, wie er sagt, "Neurologischen Revolution" führen. Was im Mystizismus "höhere Bewußtseinsstufen" heißt, sind nach seiner Ansicht Schaltkreise, die gewöhnlich nicht gebraucht werden, aber mit fortschreitender wissenschaftlicher Erforschung immer wirkungsvoller aktiviert werden können. Wo H. G. Wells einmal gesagt hat: "Die Geschichte der Moderne ist ein Wettlauf zwischen Erziehung und Katastrophe", begreift Leary die Geschichte der Moderne als einen "Wettlauf zwischen Neurochemie und Katastrophe". Er glaubt zuversichtlich, daß die Neurochemie siegen wird, obwohl die Auswirkungen der neurochemischen Umwälzung bisher noch nicht offen zutage treten.

Mystiker und Gehirnwäscher versuchen, den Organismus für eine neue Prägung bereit zu machen

Die höheren - oder neueren - Schaltkreise des Gehirns sind in Asien durch verschiedene Formen des Yoga aktiviert worden; in Afrika durch Riten und Rauschmittelgebrauch; zu anderen Zeiten durch Fasten, Isolation oder traumatische Schocks (einschließlich künstlich herbeigeführter Schocks wie zum Beispiel bei den Freimaurern). In allen diesen Praktiken sieht Leary einen neurologischen Prozeß künstlich geschaffener Empfänglichkeit für Neuprägungen. Normalerweise tritt eine Empfänglichkeit für Prägungsvorgänge (der von Lorenz, Tinbergen und anderen beschriebenen Art) auf, wenn der Organismus eine Entwicklungsstufe erreicht hat, auf der die Neuronen zu einer neuen Prägung bereit sind. Die von außen vermittelte Ansprechbarkeit muß dagegen erst vorbereitet werden. Mystiker (und regierungsamtliche Gehirnwäscher) stellen diesen Zustand her, indem sie irgendeine Technik anwenden, die die vorhandenen Prägungen zeitweise außer Kraft setzt und Neuprägungen zuläßt. Learys Interesse an Drogen in den sechziger Jahren beruhte auf der Tatsache, daß man exakt die chemischen Bedingungen messen kann, die diese Prägungen zeitweise aufheben und die Prägungsansprechbarkeit erneuern. Aber er hat auch andere Verfahren studiert, die nicht so direkt meßbar, dafür aber weniger kontrovers sind und die Masse nicht so leicht vor den Kopf stoßen.

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Nach Learys Modell wird bei zeitweiliger Aufhebung der bisherigen Prägungen als erstes der von ihm so benannte NEURO-SOMATISCHE Schaltkreis aktiviert. Charakteristisch dafür ist das Gefühl, "wiedergeboren" zu sein, wie es die Anhänger charismatischer Kulte immer wieder beschrieben haben (Es läßt sich mindestens bis zu den Eleusinischen Riten im alten Athen zurückverfolgen, wo diejenigen, die die volle Rausch- und rituelle Erfahrung durchgemacht hatten, "digenes", "Wiedergeborene", genannt wurden). Genauer gesagt ist das Gefühl des Wiedergeborenseins eine Metapher für neuartige, innere wie äußere Wahrnehmungen. Das bedeutet nichts weiter als daß alte Prägungen zeitweilig außer Kraft gesetzt werden und die Person viele mögliche Realitätstunnel sieht und fühlt, die zuvor durch die Fülle früherer Prägungen und Konditionierungen blockiert waren. Innerlich wird der Neurosomatische Schaltkreis als "gutes Gefühl" erlebt: Man ist vorübergehend frei von muskulären Spannungen, die alte Prägungen aufrechterhalten. Von Außen her gesehen zeigt sich die Aktivierung des Schaltkreises an einer neuen und meist ekstatischen Wertschätzung des "Schönen" in Farben, Formen, Klängen, Harmonien und all jenen ästhetischen Qualitäten, die normalerweise nur Künstler bemerken. Innerlich wie äußerlich macht man lediglich stärkeren Gebrauch von den kombinatorischen Möglichkeiten des Gehirns als nach der ersten, kurz nach der Geburt erfolgten, Prägung. Dieses Geschehen kann Leary zufolge in erster Linie (jedoch nicht ausschließlich) als erhöhte Aktivität der vorderen rechten Hirnhemisphäre gemessen - und mit bloßem Auge an dem seligen Ausdruck der Subjekte abgelesen sowie an ihrer ungewöhnlichen Beredsamkeit gehört werden.

Ob das Subjekt oder "Opfer" sich an diesem Punkt einen größeren Freiraum erobert oder ob es sich durch Prägung/Konditionierung in einen neuen, nicht weniger starren Realitätstunnel hineintreiben läßt - ob dieser Zustand auf Befreiung oder Gehirnwäsche hinausläuft - hängt vom Wissen, Verantwortungsbewußtsein und gutem Willen der jeweiligen geistigen Führer, Therapeuten oder Lehrer ab. Möglicherweise kann man dem Subjekt einen so extremen Realitätstunnel wie den der "Manson-Familie" oder der Nazis aufprägen. Genausogut kann man aber auch gesteigerte Flexibilität und ein höheres emotionales Gleichgewicht auslösen, das von den meisten nie erlebt wurde. Alles hängt nach Leary davon ab, ob man dem Subjekt immer wieder sagt, daß es selbst die Dinge in der Hand hat und die Verantwortung für die neugewonnene Freiheit übernehmen muß, oder ob man ihm einredet, der Führer oder Lehrer steuere das Geschehen. Mit Begeisterung müsse er jetzt den bevorzugten Realitätstunnel dieser klugen Leute annehmen. Andernfalls würde er ausgestoßen und in den alten Zustand zurückversetzt, der ihm nun jämmerlich und unglaublich roboterhaft vorkommen muß. Cannabis-Drogen aktivieren bei den meisten Menschen zeitweise den neurosomatischen Schaltkreis (manche empfinden nur Angst).

Pranayama, im Yoga das rhythmische Atmen unter Anleitung, aktiviert langfristig die Neurosomatische Neu-Prägung und Rekonditionierung. Isolationstanks erzeugen oft neurosomatische Wirkungen, wenn die anfängliche Angst überwunden ist. Andere Verfahren aus Yoga und Zen-Meditation führen über längere Zeit hinweg zu offenbar zu ähnlichen Erlebnissen, wenn man nicht aus reiner Langeweile aufgibt, bevor sich die ersten positiven Ergebnisse zeigen.

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Den sechsten oder METAPROGRAMMIERUNGS-Schaltkreis kennzeichnet eine erhöhte allgemeine Gehirntätigkeit und eine besondere Aktivität in den Stirnlappen. Er tritt erst nach umfangreichen Erfahrungen mit einer Technik zur Aktivierung des neurosomatischen Schaltkreises auf und wird subjektiv als das Erscheinen eines "höheren Selbst" oder "neuen Ichs" empfunden und manchmal auch als eine Art "spiritueller Führer" nach außen projiziert. Nach Learys Ansicht spielt sich folgendes ab: Anstatt durch äußere und somatische Signale (Umwelt und Körperchemie) programmiert zu werden, lernt das Gehirn, sich selbst zu programmieren. Deswegen neigt der Neurosomatische Schaltkreis dazu, immer wieder zu Stimmungshochs - zu ästhetischen und sinnlichen Ekstasen - zurückzukehren, und mit der Erfahrung wächst die Neugier. Man macht sich daran, alle möglichen Realitätstunnel auszukundschaften und wird sozusagen zum Experimentalphilosophen. Statt über die relativen Verdienste etwa des Platonismus, Marxismus, Voodoo und Buddhismus nachzudenken, "geht man ganz hinein", um herauszufinden, wie sich diese Ismen von innen anfühlen und warum so viele Leute damit zufrieden sind, ihr Leben in diesen engen "Gittern" zu verbringen. Man geht aber auch in weit seltsamere und in der Öffentlichkeit weniger breitgetretene "geistige Räume". Leary spricht hier manchmal von "kybernetischem Bewußtsein", was bedeutet, der Computer programmiert sich selbst.

Vom Gehirn glaubt man, daß es 10x 2 700 00 mögliche Kombinationen aus dem ihm zugeführten Input herstellen kann. Natürlich kann der Metaprogrammierungs-Schaltkreis nicht bewußt mit soviel "Relativität" umgehen, aber er kann doch wesentlich mehr Verknüpfungen herstellen als der vergleichsweise primitive Semantische Schaltkreis selbst professioneller Philosophen.

Was die "verbotenen" und Tabu-Zonen angeht, die sich hier auftun, sagt Leary den Forschern gern: "Öffnet jede Tür, schaut in jeden Realitätstunnel. Wenn ihr aber seht, daß niemand drin ist außer ein paar Kannibalen, dann macht die Tür schnell wieder zu und sucht euch einen angenehmeren Tunnel!"

Bei allen diesen Schaltkreisen besteht die Tendenz, in ihren extremen Formen eine äußere Erscheinung hervorzubringen, die selbst dem Laien ins Auge fällt. Eine starke orale Prägung erzeugt den Dicken mit dem Babygesicht, der sich leicht einschüchtern läßt (oder, im noch ausgeprägterem Fall, den Süchtigen). Eine starke anale Prägung bringt den muskulösen, aggressiven Typus hervor und manchmal den Soziopathen oder Kriminellen. Eine starke semantische Prägung führt zum Typus des hageren, nervösen Kopfmenschen, der in akademischen Gesellschaften überall anzutreffen ist (Der größte Teil seiner Energie fließt aus dem Körper in die sprachlichen Zentren des Gehirns). Eine starke Sozio-Sexuelle Prägung erzeugt oft eine "attraktive" Person, die überall beliebt , sexuell sehr aktiv und von Beruf oft Politiker oder Vertreter ist. Eine starke Neurosomatische Prägung bringt den "glücklichen Idioten" hervor, den man in mystischen und okkulten Bewegungen überall findet und der bei strengen Yogis "der bloß Ekstatische" und in Kalifornien (wo dieser Typ fast ebenso verbreitet ist wie in Indien) "der glückselige Spinner" heißt. Eine starke Metaprogrammierungs-Prägung führt zum eher unauffälligen Menschen mit einer geheimnisvollen Aura von "Macht", die der Naive oft als übernatürlich ansieht, obwohl diese "Macht" nichts weiter ist als die Lösung von den mechanischen Reflexen der Mehrheit und von dem zwanghaften Narzißmus des neurosomatischen "Hippies".

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Im Bereich des siebten, NEUROGENETISCHEN Schaltkreis geht es unauffälliger zu. Er verursacht keine auffällligen morphologischen Merkmale, krempelt aber die Person dennoch vollkommen um. Hier hört sich jede Beschreibung sofort unangenehm "mystisch" an, da es bei diesem Schaltkreis gewöhnlich mit den sogenannten "Erinnerungen an frühere Leben" losgeht - oder, bei Künstlern, mit einer Konzentration auf die geistigen Bilder und Themen, die Jung "Archetypen" nennt. Die Tatsache, daß der materialistisch denkende Freud diesen Schaltkreis als "rassisches Gedächtnis" in sein Lehrgebäude einzureihen versuchte, und daß selbst der marxistisch gebildete Dr. Stalislav Grof nach umfassenden Studien mit LSD ihn als "das phylogenetische Unbewußte" ebenfalls anerkannte, zeigt, daß er ein reales Potential des menschlichen Gehirns, ganz gleich, wie wir ihn erklären. Bei voller Entfaltung verändert dieser Schaltkreis die Definition des eigenen "Selbst": unter Verzicht auf mystische Begriffe könnte man sagen, das Neurogenetische Bewußtsein bringt einen dazu, sich selbst als genetischen Vektor in der Zeit und das aktuelle Körper-Selbst als eine einzelne Manifestation zu begreifen. Die Hindus nennen dies bekanntlich "Atman", das höchste Selbst, aber Leary betrachet diese Vorgänge lieber im Bild des nobelpreisgekrönten Genetikers Herbert Muller, der behauptet, jeder Organismus sei ein Roboter, den die DNA dazu bestimmt, bessere DNA herzustellen. In Learys Version ist jeder von uns ein Roboter, den die DNA dazu bestimmt, bessere DNA herzustellen. Wir alle sind Rohentwürfe, hervorgebracht durch eine Art "Wissen" oder Information in der DNA, von etwas Ähnlichem wie Nietzsches Übermensch - der seinerseits einen Rohentwurf des nächsten, gelungeren Versuch der DNA darstellt, der wiederum ein Rohentwurf des nächsten Versuches ist ...

Bis zu einem gewissen Grad können wir Zugang zu dem "Gehirn" des gesamten Planeten finden

Konkret läuft Learys Denken darauf hinaus: Die "Gaia-Hypothese" des Biologen James Lovelock und das "morphogenetische Feld" des noch umstrittenen Biologen Rupert Sheldrake treffen den Sachverhalt im Vergleich genauer als mechanistischer Darwinismus. Sein Argument: Die Empfindung und Wahrnehmung eines Neurogenetischen Schaltkreises ist zu vielen Menschen in zu vielen Kulturen begegnet, um als bloße Halluzination abgetan werden zu können. Bis zu einem gewissen Grad sind wir offenbar in der Lage, Zugang zum Wissen des im Verlauf der Evolution entwickelten "Gehirns" des gesamten Planeten zu finden. Dies setzt freilich keine "Seele" voraus, die von Körper zu Körper springt wie in den groben Metaphern vorwissenschaftlicher Zeitalter, sondern einen mikro-miniaturisierten "Code" innerhalb der Neuronen, der zwischen neurologischer (persönlicher) und evolutionärer (genetischer) Organisationsebene vermittelt.

Leary, der das Selbst auf der Stufe dieses Schaltkreises als sehr langlebiges, aber nicht unsterbliches Informationssystem ansieht, würde ein derartiges Bewußtsein nicht als "unsterbliche Seele" bezeichnen. Im Gegenteil. Neben seiner jüngsten Computer-Aktivitäten setzt er sich zur Zeit für weiterreichende Untersuchungen im Bereich der Lebensverlängerung ein. Er glaubt, daß die Menschen erst eine wesentlich höhere Lebensspanne erreichen müssen, bevor sie die vollen Möglichkeiten ihres Gehirns ausschöpfen können. Er ist beeindruckt von den Forschungsarbeiten Dr. Paul Segalls an der University of California/Berkeley, der die Lebenserwartung von Ratten im Experiment verdoppelt hat. Mit Segall und anderen in diesem Bereich arbeitenden Forschern kommt er zu dem Schluß, daß wir kurz vor einem Durchbruch stehen, nach dem es dem Menschen möglich sein wird, mehrere hundert Jahre zu leben.

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Den achten Schaltkreis, die höchste Bewußtseinsstufe, die Leary im Augenblick für wissenschaftlich beschreibbar hält, nennt er den NICHT-LOKALEN Schaltkreis. Dieser stellt seiner Ansicht nach das Gehirn auf das nicht-lokale "Bewußtsein" ein, das Quantenphysiker wie David Bohm, Edwin Harris Walker, Nick Herbert, Fridjof Capra und andere postulieren. Leary betont, daß dieser Schaltkreis zur (Quanten-)Physik und nicht zur Meta-Physik gehört. An Anlehnung an das Bild Bohms glaubt er, die offen entfaltete Ordnung des Universums in der Raum-Zeit drücke eine verdeckte Ordnung in jedem seiner Teile aus - eine Theorie, die Bohm das "Hologramm-Modell" nennt. Das von Mystikern und LSD-Konsumenten berichtete "Einssein" sei bloß eine Berührung dieser verdeckten Ordnung. Diese Vorstellung, die sich höchst phantastisch anhörte, als Leary sie 1960 zum ersten Mal äußerte, klingt heute unter Physikern nicht mehr ungewöhnlich, da in vielen neuen Experimenten eine nicht-lokale Verbindung zwischen allen Teilen des Universums aufgezeigt worden ist.

Zur Zeit gibt es kein besseres Modell zur Beschreibung dieses Sachverhalts als Bohms Hologramm-Hyphothese. Danach ist die dem Kosmos zugrunde liegende Information wie in einem Hologramm gleichermaßen in jedem Teil enthalten. Die Existenz eines Nicht-Lokalen Schaltkreises erklärt nach Learys Ansicht nicht nur die "mystische Vereinigung mit dem All", sondern auch so verwirrende unheimliche , aber ständig berichtete Wunderlichkeiten wie ESP, Erlebnisse "außerhalb des Körpers" und die Jungsche Synchronizität (siehe "Der sinnvolle Zufall", PSYCHOLOGIE HEUTE, Heft 1/85).

Ein weiteres Bild zur Beschreibung des achten Schaltkreises stammt von dem amerikanischen Physiker Jack Sarfatti, der das Universum als eine Reihe von Computern in Computern in Computern beschreibt, ähnlich den alten chinesischen Schachteln in der Schachtel. Das Universum als solches ist der größte "Computer". Unsere Gehirne sind mittelgroße Computer. Die kleinsten bekannten subquantalen Energiesysteme, die Quarks sind Mini-Mini-Computer. Nach diesem Modell ist die "Hardware" jedes Computers lokal - sie existiert in einem bestimmten Intervall in der Raum-Zeit -, während die "Software" oder Information nicht-lokal oder überall vorhanden ist. Diese Software ist das, was Leary unter dem Nicht-Lokalen Schaltkreis versteht.

Abb.5

Wie wir gezeigt haben, erhalten die ersten vier Schaltkreise (die mit Ausnahme von Wolfskindern bei allen Sterblichen vorhanden sind) den kreisförmigen Aspekt des menschlichen Lebens aufrecht: Geburt, Prägung des oralen Schaltkreises, Kindergarten mit Prägung/Konditionierung territorialer Spiele, Schule und Prägung/Konditionierung eines semantischen Realitätstunnels, Pubertät, Paarung und Prägung eines Sozio-Sexuellen Schaltkreises beziehungsweise der Erwachsenenrolle, Vermehrung und die Aufzucht von Kindern innerhalb des Stammessystemes, um wieder annähernd die gleichen Prägungen , Konditionierungen und roboterhaften Realitätstunnel herzustellen. Die in der Geschichte sporadisch auftretende Aktivierung der vier höheren, oder neueren, Schaltkreise bildet die Grundlage der Kreativität und der nicht-zyklischen oder "progressiven" Aspekte des menschlichen Lebens. Leary weist darauf hin, daß alle acht Schaltkreise zusammengestellt einen Aufriß der Evolution darstellen.

So gesehen ist jeder von uns ein wandelndes Museum der Psycho-Archäologie, da wir in den ersten vier Schaltkreisen die Überreste vergangener Evolutionsstufen mit uns herumtragen. Und je nachdem, wie wir einen der höheren Schaltkreise aktiviert oder erfahren haben, sind wir zugleich Vorboten evolutionärer Umwandlungen, die sich auf der allgemeinen Ebene erst noch durchsetzen müssen.

Leary ist er Meinung, daß alle Psychologen und behavoristischen Wissenschaftler, die die neueren Schaltkreises des Gehirns erforscht haben, und alle diejenigen in den übrigen Natur- und Humanwissenschaften, die diese Arbeit verfolgen, bereits eine neue Evolutionsstufe eingeleitet haben. Er nennt sich Intelligenz-Verstärkung und kürzt das mit I² ab. Wir wissen heute, so Leary, daß das Bewußtsein kein statischer "Gegenstand" ist, sondern ein Prozeß, der sich entwickeln und verändern kann. Wir kennen einen Großteil der Techniken, mit denen Bewußtseinsveränderungen beschleunigt werden können, und bewegen uns unerbittlich auf eine Informationsexplosion in unseren Bio-Computern (Gehirnen) zu, die der Informationsflut in den festen Computern entspricht. Kurz - er ist davon überzeugt, daß die Behavoristen recht hatten und haben, die Menschen als mechanisch handelnde Wesen oder Roboter anzusehen.

Zugleich glaubt er, daß der Behavorismus sehr rasch überholt sein wird, wenn wir lernen, Selbst- oder Meta-Programmierer zu werden. Leary ist davon überzeugt, das sich das Wissen von diesen Prozessen (die "neurologische Revolution") zunehmend und mit wachsender Geschwindigkeit auf unsere Kultur auswirken und dadurch unser Selbst und unser Denken und Fühlen genauso radikal umgestalten wird, wie die Naturwissenschaften unsere Umwelt verändert haben.


Robert Anton Wilson

Quelle:
© PSYCHOLOGIE HEUTE, 13. Jahrgang, Nr. 1, Januar 1986